Seit
mehreren Jahren lebt die 25jährige Singhalesin Chaturani
Jayasinghe bei der Familie Halbrainer in Vormoos. Nach dem Besuch
mehrerer Schulen und Colleges in Sri Lanka und England absolvierte
sie das Tourismuscollege in Klessheim, das sie mit sehr guten
Erfolg abgeschlossen hat. Seit einigen Semestern studiert Chathu
an der FH Salzburg-Urstein. Einen Teil ihrer Freizeit widmet sie
der uralten traditionellen Kunst des indischen Tempeltanzes. Der
frühere Obmann der Landlergruppe Feldkirchen Franz Seidl
hat die junge Künstlerin zu einer Landlerprobe beim Wirt
z'Vormoos eingeladen und ihr die Zusage abgerungen, einige Szenen
des Tempeltanzes vorzuführen.
Chathu lernte
von klein auf den indischen Bharata Natyam, der als die älteste
Form des indischen Tempeltanzes gilt. Die Inder führen den
Geist und die Technik ihres Tanzes auf Gott Brahma zurück,
der sie dem Weisen Bharata offenbarte. Bharata schrieb vor über
2000 Jahren das Natya Shastra, das grundlegende Werk für
den indischen Tanz und die Dramen. Der Begriff Bharata Natyam
setzt sich aus verschiedenen Wortelementen aus dem Sanskrit zusammen:
„Bha“ – Bhava (= Ausdruck), „ra“
– Raga (= Melodie), „ta“ – tala (=Rhythmus)
und „Natyam“ (= Tanz), ist also eine „Verbindung
zwischen Ausdruck, Melodie und Rhythmus“ (Bha-ra-ta). In
der indischen Mythologie gilt der Tanz als ein Werk Gottes: Von
den fünf Pfeilen des Liebesgottes Kama getroffen verliebte
sich Schöpfergott Brahma in Sarasvati, der von ihm selbst
geschaffenen Göttin der Künste. Als Sarasvati seine
Liebe erwiderte, „wurden ihre Schritte zu Tänzen, alles
was ihr Mund formte zu Poesie, und das Spiel ihrer Hände
wurde zu Musik“. Musik heißt deshalb auf Hindi "Sangita",
die Einheit von Tanz, Musik und Poesie. Von den 64 Künsten,
die Sarasvati gebar, war Tanzkunst die Erstgeborene.
Diese Ursprungslegende
des Tanzes wurde von dem Dichter Bharata aus dem südindischen
Tamil Nadu überliefert. Er lebte dort vor etwa 2000 Jahren.
Seine Sanskrit-Niederschrift heißt "Natyasastram"
oder auch fünfte Veda, denn in diesem uralten Lehrbuch sind
Auszüge aus allen vier Veden enthalten. Kein Fest, bei dem
nicht wenigstens eine "Nayika" (Tänzerin) auftritt.
Als Vermittlerin zwischen Himmel und Erde trägt sie ein farbenprächtiges,
niemals schwarzes Gewand, Glöckchen an ihren Fesseln und
reichen Schmuck, von dem jedes Stück symbolische Bedeutung
hat. Ihr Tanz beginnt und endet seit Urzeiten mit einer Huldigung
an die Erde: Namaskaram.
Keine ihrer
Bewegungen ist zufällig und zielt darauf ab, nur gefallen
zu wollen. Das gilt für die Arme, Hände, Kopf und Augen
ebenso wie für die Füsse. Die zehn wichtigsten Fußstelllungen
heißen Mandalas. Sie ergeben ein Muster und sollen gute
Kräfte aus dem Universum ziehen. Deshalb malen die Frauen
in Indien solche Mandalas auf die gereinigten Böden vor ihren
Häusern. Sie sind auch ein „Symbol für geordnetes
Denken, und das beginnt bei den Füßen“. Eine
tänzerische Grundeinheit wird als "Adavu" bezeichnet.
Das sind verschiedene Körperhaltungen, die durch rhythmische
Bewegungen miteinander verbunden sind. Es wird in drei verschiedenen
Tempi getanzt. Zu jeder der 13 Adavu-Gruppen gehören bestimmte
Sprechsilben, die die Takte der Bewegungen begleiten, z. B.: „tai
ya tai ya tai ya tai“ beim Tattadavu, bei dem mit der ganzen
Sohle aufgeschlagen wird oder „tai yum tat tat tai yum ta
ha“, bei dem nur die Ferse den Boden berührt.
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